Category Archives: Christian’s blog

13) Abenddämmerung über Letham

13) Abenddämmerung über Letham

 

Ich spüre die Gelenke der Zeit. Am Tag

verwuchsen Knochen, hart im Sekundensprung.

Am Abend kommt die Weichheit wieder,

duckt sich die Nacht in die schnellen Wolken.

 

(Letham, 12. Oktober 2017)

 

Translation by Kathryn Kean

 

Nightfall over Letham

 

I feel the joints of time. In the daytime

merged bones, are toughened by the steps of seconds.

In the evening the softness returns,

the night crouches in the fleeting clouds.

 

Translation by Cecilia Belis

 

Twilight over Letham

 

I sense the turning points of time. During the day

bones that have grown together, are stiffened in a matter of seconds.

In the evening the malleability returns

the night curls up in the rapid clouds.

12) Der Feuerkäfer

12) Der Feuerkäfer

 

Sein Weg geht durchs Holz:

Durch Rinden, durch den Moder

kriecht unbeirrt ein Lodern,

ein Glühen und ein Brennen,

ein Schwelen und ein Sengen.

So lehrt er es seinen Kindern:

Alles, was lebt, ist es selbst und etwas anderes.

 

(Letham, 11. Oktober 2017)

 

Translation by Joanna Kalemba

 

The fire-coloured beetle

 

Through wood goes his path

Through bark and through mould

Creeps flame uncontrolled

A glow and a smoke

Burning to the ground

He teaches his children:

All living is itself and something else.

 

10) Ins Offene

10) Ins Offene

 

Das Brennesselgesträuch wächst dicht nach allen Seiten,

kennt keinen Weg, nur Raum, den Wurzeln suchend weiten.

 

(Am Feldrand, Cupar, 10. Oktober 2017)

 

Translation by Rebecca Hagen

 

In the open

 

The bush of the stinging nettle grows thickly to all sides,

knows no path, just space, searching for the roots widen.

9) Geröll, ein Echo

9) Geröll, ein Echo

 

Geröll, ein Echo schläft im steilen Hang, 

das niemand mehr versteht, von dessen Stimme

nur Schutt zurückblieb, Flechtenstille, Glimmer,

und was verschwand, ist ungewiß: Der Hang

 

verschweigt im Sturm, wenn noch die Falken kauern

in Wällen Moos, verschweigt im Heidekraut,

im Bachlauf, den ein Schafskadaver staut,

verschweigt den Nachhall seiner selbst, sein Dauern.

 

(Cairngorms Nationalpark, Munro Driesh, 3. Oktober 2017)

 

 

7) Von der Herkunft eines Gedichts

7) Von der Herkunft eines Gedichts

 

Du siehst den Möwen nach, den Schatten, die verrauschen.

So heißt der erste Vers: Geräusch des eignen Lauschens.

 

(St Andrews, West Sands, 6. Oktober 2017)

 

Translation by Joanna Kalemba

 

7) About the origin of a poem

 

You watch the seagulls fade, their shadows drawing near

Here is your starting verse: the sounds within your ear

6) Das Jenseits der Fische

Schottische Funde

Der Blick in die Natur ist ein Blick in die Fremde. Abgesichertes Sprechen wird dort unmöglich, wo wir Wesen begegnen, die nicht Teil sind unserer wuchernden Menschenräume. Dichter wird das Netz, das uns einschließt in vorstrukturierte Wirklichkeiten. Öffnung, sei es für das Unerwartete und Unbekannte im Innern des Menschen, sei es für die Kreaturen oder für die Irritationen der Transzendenz – sie wird immer schwerer. Poesie ist an Rändern unterwegs, wo die Sprache an Grenzen kommt und Ungesagtes erkundet. Sie geht in die Fremde.  So sind Naturgedichte eine Politikum, ein Verteidigungsversuch des Menschen, „der nicht ganz zu Hause ist in der gedeuteten Welt“ (Rilke), und so sammle ich unterwegs in und um St Andrews täglich kleine Funde, Unscheinbares, Momente des Sehens und des Angesehenwerdens, abgebildet zumeist in zweizeiligen Alexandriner-Strophen und Diptychen. 

 

6) Das Jenseits der Fische

 

In jedem Körper hängt / ein Sack voll Fremde, trocken

und leer. In Schwebe hält / er Schwimmende wie Flocken.

 

(4.10. 2017, St Andrews, am Meer unterhalb der Burgruinen)

 

Translation by Louise Cameron

 

The other world of the fish 

 

In every body hangs / a bag completely foreign, dry

and empty. Held in place / floating like flakes.

(4.10.2017, St Andrews, by the sea under the castle ruins)’